Grenzen erkennen - aber wie? - Be present.
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Grenzen erkennen – aber wie?

Grenzen erkennen

Grenzen erkennen – aber wie?

Erst wenn nichts mehr geht, dann ist Schluss. Kennst du das? Ich neige dazu mich zu verausgaben. Mal will ich es mir selber, mal anderen beweisen. Viel öfter liegt es jedoch daran, dass ich viel zu nett bin, wider besseres Wissen Ja statt Nein sage und nicht meine Grenzen erkenne.

Als ich noch angestellt war, gab es jedes Jahr Mitarbeitergespräche. Für den Chef waren diese Begegnungen eine leidige Verpflichtung, interessiert hat er sich für keinen von uns und Kontakt beschränkte er auf Befehlsausgaben. Uns Mitarbeitern waren diese Gespräche ebenso unangenehm, denn statt konstruktiv zu sein, nutzte er die Gelegenheit so richtig auszuteilen.

An das letzte Mal kann ich mich noch gut erinnern.  Nicht daran, was gesprochen wurde, aber was ich danach empfunden habe. Der Kopf war mit Watte gefüllt, mir war kalt, ich zitterte und es war mir, als ob mir jemand seine Faust in den Magen gerammt hätte. Ich war k.o. gegangen und  bekam keine Luft mehr. 

Er war zu weit gegangen, nicht erst in diesem einen Gespräch sondern längst vorher. Ich hatte es die Jahre davor immer zugelassen und  die Situation war so komplex geworden, was mir eine angemessene Reaktion schwer machte. 

 

Du musst dich besser abgrenzen!

„Du musst dich besser abgrenzen“ raten wir unseren Freunden und Arbeitskollegen in schwierigen Situationen. Leichter gesagt als getan. Denn meist merken wir erst viel zu spät, dass unser Point of no Return überschritten ist, wir sowohl körperlich als auch geistig über dem Limit sind und einfach nicht mehr können. 

 

Warum setzen wir keine Grenzen?

Die Verlockung, weit über unsere Grenzen zu gehen, ist groß. Wir wachsen mit der Illusion auf, dass für alle und jeden zu jeder Zeit alles erreichbar ist. Das gilt selbstverständlich auch für die eigene Leistung. Wenn wir unseren Ansprüchen nicht genügen und sie nicht erfüllen, dann haben wir es nur nicht richtig gewollt.

Wir übersehen dabei, dass wir nicht alle mit den gleichen körperlichen, sozialen und gesundheitlichen Voraussetzungen ausgestattet sind und, ob wir es wollen oder nicht, unsere Grenzen haben.

 

Grenzen sind wichtig

Grenzen bestimmen unser Verhältnis zu uns selbst. Seit meinem Beinbruch weiß ich, dass meine Fähigkeiten zu laufen begrenzt sind, weil ich sonst Schmerzen habe. 

Sie bestimmen das Verhältnis zu anderen Menschen. In der Arbeitswelt dreht sich alles um das Setzen und Einhalten von Grenzen. 

Sie bestimmen das Verhältnis zu dem, was uns umgibt. Straßenverkehr wäre ohne Limits und Regeln undenkbar. 

Sind Grenzen nicht geklärt oder werden sie nicht von beiden Seiten akzeptiert, sind Konflikte unvermeidlich, auch wenn diese nicht immer offen ausgetragen werden. Wer Grenzen übertritt, hat mit Konsequenzen zu rechnen. 

Wenn wir ständig unsere eignen Grenzen übertreten und uns überfordern, bleibt das nicht ohne Folgen. In der Körperarbeit bin ich ständig damit konfrontiert.

 

Seine Grenzen erkennen 

Um Grenzen verteidigen zu können, muss sie zuerst erkennen.

Auf unseren Verstand können wir uns dabei nicht verlassen. Der möchte entweder noch mehr leisten oder sagt schon viel zu früh Halt und schöpfen unser Potenzial nicht aus.

Auch unsere Gefühle sind kein guter Indikator, wenn es um das Wahrnehmen von Grenzen geht. Sie sind für unsere sozialen Kontakte da und geben uns ganz oder gar nicht hin. Mich braucht nur jemand nett zu fragen und schon bin ich bereit eine Aufgabe zu übernehmen. 

Beim Grenzensetzen können und müssen wir uns auf unseren Körper verlassen. Jeder empfindet auf seine Weise, wann er seine Grenze erreicht hat. Das braucht aber die Bereitschaft mit dem Körper in Kontakt zu treten und zu spüren. Das braucht Zeit und Übung, denn diese Fähigkeit haben wir vielfach verlernt.

 

Folgende Übung kann dir dabei helfen, deine Grenzen zu erkennen: 

  • Suche dir einen ruhigen Ort und erinnere dich an eine Situation, in der du über deine Grenzen gegangen bist. 
  • Vergegenwärtige dir möglichst viele Einzelheiten dieser Situation. Du wirst sehen, dass das ganz von selber geht, da du die Erinnerung daran, nicht nur im Kopf, sondern auch körperlich gespeichert hast.
  • Wie hast du deinen Körper damals erlebt? Müde, kraftvoll, schwerfällig?
  • Wie war deine Atmung? Normal, flach, schnell?
  • Was hast du im Bauch gefühlt?
  • Haben deine Hände gezittert oder waren sie ruhig?
  • War es dir kalt oder heiß?
  • Hast du im Kopf Leere oder Druck gespürt?

Du kannst es auch gerne aufschreiben, wenn es dir dabei hilft, für zukünftige Situationen besser gerüstet zu sein.

Wenn deine Erinnerung zu lebhaft ist und du dich unwohl fühlst, achte darauf, dass du dich zum Abschluss wieder in deine Wohlfühlzone begibst und du bewusst Unangenehmes hinter dir lässt. 

Der Körper zeigt uns unsere Grenzen auf und verfügt über das geeignete Sensorium, sie auch zu erspüren und bewusster mit unserer Kraft umzugehen. Dann gelingt es uns leichter Nein zu sagen. 

Meine Buchempfehlungen zum Thema:

Rolf Sellin: Bis hierher und nicht weiter. 2014. Kösel-Verlag München. 
August Höflinger: Grenzen setzen bei Erwachsenen. Eigenverlag. 

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